Hungern für die „Schönheit“
Magersucht - oder der Selbstmord auf Raten
Sind 100 Kalorien zu viel? Bin ich mit einem Body-Mass-Index von 15 zu fett? Sie klammern sich an die Anzeige der Waage und bestrafen sich für den kleinsten Bissen mit harten Trainingseinheiten. Was für uns vielleicht absurd klingt, gehört für die 3,7 Millionen Magersüchtigen mit gefährlichem Untergewicht in Deutschland zum Alltag. Erschreckende Zahlen und sie steigen weiter.
Für die Betroffenen bedeutet Anorexie nervosa, so lautet der medizinische Fachbegriff für diese Krankheit, aber noch mehr als der bloße Gewichtsverlust. Es ist die vollkommene Kontrolle über ihren Körper und ihre Bedürfnisse. Sie glauben, dass sich ihre Probleme von selber lösen, wenn sie ihr Wunschgewicht erreichen. Beeinflusst durch den medialen Druck und das schlanke Schönheitsideal unserer Gesellschaft, quälen sie sich wochenlang mit sogenannten Boot-Camp-Diäten. In Internetforen animieren die Betroffenen sich gegenseitig zum Abnehmen. Dabei entsteht ein regelrechter Konkurrenzkampf und sie schrecken auch vor den zahlreichen Folgen nicht zurück. Sie laden Fotos von ihren Hüftknochen hoch und kritisieren die Figuren der anderen. Oftmals verlieren sie den Bezug zu ihrem Umfeld, kapseln sich ab. Die Gedanken kreisen dann permanent ums Essen. War das Apfelstückchen überflüssig? Wie viele Kalorien hat eine Erdbeere und wie lange muss ich laufen, um diese zu verbrennen?
Die Magersüchtigen fertigen Tagebücher an, in denen sie den Gewichtsverlauf genau dokumentieren. Es ist ein unendlicher Teufelskreis aus dem man nur schwer und mit großem Willen aussteigen kann und jeder sechste Betroffene erliegt der Krankheit.
Haben sie die falsche Selbstwahrnehmung selbst zu verschulden oder spielt das Urteil der Gesellschaft und der Druck die größere Rolle? Einerseits werben die Medien mit kalorienreicher Nahrung, andererseits mit dem schlanken Schönheitsideal und preisen damit Selbsteinschränkung und Selbstbeherrschung. Dass die Lebensmittelindustrie mit Lightprodukten an Magersüchtigen bereits Millionen verdient, sollte uns zum Nachdenken und Handeln anregen. (16:15 Uhr)